Morozov: To Save Everything, Click Here

Rund drei Wochen ist es her, als Angela Merkel mit ihrem #Neuland-Vergleich eine Netz-Debatte losgetreten hat, die erst belacht wurde, dann versachlicht, nur damit die NSA uns Tage später zeigt, wie sehr wir hierzulande wirklich noch im Wald stehen. Auf haarsträubende Weise werden Netz und Web, Social und Mobile durcheinander gebracht. Offshoreleaks werden gehypt ohne Ende, dabei muss jedem klar sein, dass diese Daten genauso durch die Deep Packet Inspection erzeugt worden sein könnten. Evgeny Morozov gelingt in seinem Buch einen echten Diskurs zwischen echter Moderne und Neusprech zu beginnen. Genau das richtige also…

Morozov

„This obsession with usability, with making technology invisible and unobstrusive, has created a world where we are hardly aware of how much energy our households consume. It won’t take long until we discover that our smartphones, in their quest for usability, also hide an equally disturbing reality.“

Morozovs Buch ist ein Buch über Räume. Das klingt erst mal verwirrend. Aber wir brauchen in der realen Welt Räume, um neue Dinge auszutesten. Diese haben wir in der virtuellen Welt noch nicht, wir sollten sie uns bald schaffen, lautet das Argument Morozovs: Gesetze, die heute gültig sind, sind es vielleicht morgen nicht mehr. Unsere Straftaten werden aber gespeichert. Für immer. Das ist der Unterschied zwischen digitaler Welt und physischer Welt.

Dafür müssen wir uns ein Stück weit trennen von dem Glauben, dass wir ohne soziale Netzwerke alleine sind. Ja, das ist einfach. Aber wir müssen wieder lernen, dass unsere Devices vor allem Geräte sind, die uns nicht mehr oder weniger beeinflussen wie andere Geräte. Die aber eine Wirkweise haben, die über den eigentlichen Inhalt herausgehen. Und wenn uns das gelingt, dann müssen wir uns von dem Technikversprechen – dem „Solutionism“ und dem „Internet-Centrism“ lösen. Das ist schon schwerer, weil uns das wie Technophobe da stehen lässt.

„Most internet theorists venerate an imaginary god of their own creation and live in denial. Secularizing our technology debate and cleansing it of the the pernicious influence of Internet-centrism is by far the most important task that technology intellectuals face today.“

Wer möchte kann gerne den Selbsttest machen und einfach den Beitrag zur Gezi-Revolution auf PBS Media Shift hier lesen und sich fragen, welches Bild hier forciert wird. Waren Mut, Durchhaltevermögen und der Wunsch, etwas zu verändern, die Revolutionstreiber oder Twitter und Facebook. Alex Kantrowitz macht jedenfalls aus Demokratie ein Hashtag und aus Protest ein Gadget.

Auch Morozov sagt, dass man bei vielen Filtern und Algorithmen die eigentliche Funktionalität nicht kennt. Hier liegt ein immanentes Problem der Algorithmen – ihre angebliche Objektivität und ihr ganz faktisches Fehlen von Transparenz. Viel gravierender schlägt das allerdings bei prädiktiven Algorithmen zu Buche.

Aber nicht nur die Berechnungen sind eine Gefahr, sondern auch die bereits stattfindenden kleinen Stupse („nudges“) in die richtige Richung, die wir von Regierungen und Unternehmen verpasst bekommen. Unter der Vorgabe, das alles für ein gutes Ziel auf uns zu nehmen, lassen wir uns führen und vergessen zu hinterfragen, was gerade mit uns passiert. Auch die viel zitierte „Gamification“ ist im Prinzip nur Zuckerguss. Manchmal sollte Realität eben noch real sein, damit man seine Entscheidung auch wirklich zu Ende denken kann. Entwickler von Geräten und Apps wollen uns diesen Prozess abnehmen. Nicht umsonst heißt eines der berühmtesten Bücher für UI/UX „Don’t make me think.“

Am Ende sollten wir uns aber fragen, wer das letzte Wort in dieser Welt haben sollte und wie oft wir uns noch von NSA und GCHQ überrumpeln lassen: „If we want to live in a world where norms and laws are constantly subject to revision and debate, then perhaps we should be wary of delegating so much regulation of technology.“

Conclusion: Ich weiß nicht, wie Morozov so auskommt im Silicon Valley. In seinem Buch legt er sich jedenfalls mit so vielen Tech-Propheten (Nicholas Carr, Kevin Kelly und immer wieder Clay Shirky) an und rüttelt an so vielen Theorien (technical objectivity, nudges, gamification), das es eine wahre Freude ist. In den ersten beiden Kapiteln nervt der Krawall ein bisschen, dann entfaltet Morozov aber den Diskurs und liefert Beispiele für Internet-Zentrismus und Techno-Erleuchtung und plötzlich beginnt man den eigenen Horizont danach abzusuchen, wie oft man Dinge in Kauf nimmt, nur weil Innovation drauf steht.

Bonus: Morozov’s Buch wimmelt nur so von Verweisen auf Ziele seiner Kritik. Es dient also auch als Einstieg in viele Bereiche der digitalen Welt. Allerdings kann man sich daran nicht mehr wirklich erfreuen, weil Morozov sie alle zerreißt. Außerdem benutzt Morozov pro Buch so viele Semikola wie andere Autoren in ihrem ganzen Leben nicht.

Postscript: Ich habe den Text auf Deutsch begonnen und habe gefürchtet, dass ich durch eine Übersetzung zu viel zerstören würde. Daher sind nur die Zitate auf Englisch.

„To save everything, click here: Technology, Solutionism, and the Urge to Fix Problems that Don’t Exist“ from Evgeny Morozov. Published in 2013 by Penguin Books. $29,90. 

http://www.penguin.com.au/products/9781846145490/silicon-democracy

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